„daß, was die «Person» zur «Sache» mache, nicht deren wissenschaftliche Behandlung ist; sondern die faktische Behandlung des Menschen durch den Menschen.“ aus: Günther Anders: „Die Antiquiertheit des Menschen“

Günther Anders hat das Buch „Die Antiquiertheit des Menschen“ in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts geschrieben, bzw., ist der erste Band 1956 erschienen. Ihn habe die Frage umgetrieben, ob der Mensch mit seinen eigenen technologischen Erfindungen Schritt halten könne. Damals haben ihn vor allem die Atombombenabwürfe der US Amerikaner auf Hiroshima und Nagasaki umgetrieben. Deren 80. Jahrestag hat die Menschheit erst vor ein paar Tagen erinnert.
Doch wie steht es heute, im Jahr 2025 um die Behandlung des Menschen durch den Menschen als „Sache“ denn als Person? Und ist die Behandlung des anderen Menschen als Sache nur die Folge technischer Entwicklungen?
Heute gilt es als gesichert, dass Japan nicht Atombomben gebraucht hätte, um den Zweiten Weltkrieg endgültig zu beenden, indem es kapituliert, ja der Abwurf habe nicht einmal diesem Ziel gedient. Dass die Vernichtung von Menschen durch den Abwurf der Atombomben in Kauf genommen wurde, leuchtet unmittelbar ein. Dass der andere Mensch nicht als solcher gesehen und wahrgenommen werden kann, dafür braucht es gar nicht erst die Entwicklung einer Atombombe, dafür reicht es, sich für die Führung eines Krieges zu entscheiden. Es ist nicht bekannt, dass Soldaten vornehmlich lebensmüde oder suizidal veranlagte Menschen seien.
Meine These ist: Sobald der Mensch empfänglich dafür ist, den anderen Menschen abstrahierend in Gruppenzugehörigkeiten einzusortieren, ist er auch bereit, im anderen Menschen eher eine „Sache“ denn einen kreativen Charakter mit schrulligen Gewohnheiten zu sehen. Wie wir etwas sehen, bestimmt darüber, wie wir es behandeln. Perspektivenwechsel – das kann der Mensch.
Wie gelingt es dem Menschen, Tiere zu essen? Der eigene Hund käme nie auf den Tisch, sondern wird, wenn er vom Tierarzt ordentlich mit Tierkrankenversicherung austherapiert wurde, auf dem Haustierfriedhof begraben. Das Schwein in der Bolognese Soße, das Rindersteak? Anonym. Kühe oder Schweine werden massenweise gehalten und im Akkord geschlachtet. Gruppen, lebend, leidensfähig, ohne eigene Rechte, außer der Mensch gesteht ihnen ein paar zu – ohne eigene Lobby.
Um zu leben, weiterzuleben, braucht es die Fähigkeit zu verdrängen. Vom konkreten Wesen absehen zu können, ermöglicht dem Menschen seit Jahrzehnten Nachrichten aus aller Welt zu konsumieren. Bei weitem nicht alle, aber das Schrecklichste und vielleicht auch das Erfreulichste, was die Menschheit zu bieten hat, erreicht nahezu alle menschlichen Wesen an den Endgeräten. Die Neugier lässt Menschen empfänglich sein für das Neue. Und davon gibt es immer etwas. Wahr oder nicht – spielt das heute noch eine Rolle? Haben wir uns also nach Günther Anders bereits mit Radio und TV hinsichtlich der Grundausstattung des Menschen überfordert, so wird dies heute durch Social Media und KI nur auf die Spitze getrieben.
Um die Nachrichten über Ungerechtigkeiten und Leid ertragen zu können, abstrahieren wir nicht nur vom konkreten anderen Menschen wir müssen auch die immer wieder neu entfachte Empörung in uns kanalisieren. Bin ich verantwortlich? Soll oder muss ich etwas tun? Abstraktionen helfen auch hier: ich kann nicht allen helfen, aber bringt nicht der innere Zwang der eigenen Neugier auch dazu, einen Haufen Zeit dafür aufzubringen, die eigene Naherfahrung zu vernachlässigen und die eigenen Nachbarn aus dem Blick geraten zu lassen? Sind wir wirksam da, wo wir leben?
Wenn das Nahe, der Nächste aus dem Blick gerät und die Ablenkung durch ständige Aufreger immer mehr Zeit einnimmt, dann passiert noch etwas anderes. Den einzelnen Menschen aus dem Blick zu verlieren und in Gruppen zu denken, in Zielgruppen, in Interessengruppen – wer macht das? Die Politiker im autoritären Systemen wie die Politiker in Demokratien. Wer macht das eigene Interesse geltend? Wer weiß überhaupt um das eigene Interesse? Immer weniger Menschen wissen darum, es scheint leichter zu sein, sich ablenken zu lassen durch monströse Aktionen a la Trump oder Musk.